Die Chöre »Bodelswingers« und »Mund-Harmoniker« haben das unten genannte Projekt
am 10. Juni 2017 in der Evangelischen Pfarrkirche zu Heeren-Werve und
am 01. Juli 2017 in der Bartholomäuskirche zu Blankenburg (Harz) mit Erfolg aufgeführt.
Eine weitere Aufführung fand am 24. September in der Auferstehungskirche zu Bergkamen
(Weddinghofen) um 18.00 Uhr im Rahmen einer musikalischen Andacht statt.
Eine etwas kürzere Fassung wurde im Rahmen des Gemeindefestes
der Martin-Luther-Kirche in Bergkamen-Oberaden aufgeführt.



Choralvorspiel »Nun komm, der Heiden Heiland« von J.S. Bach BWV 659

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Herr Dr. Martin Luther tritt im Talar ans Rednerpult:


Liebe Brüder und Schwestern in Christo!
Ich freue mich, dass in diesem Jahr der Reformation gedacht wird. Auch ich werde sehr geehrt, obwohl ich doch auch nur »simul iustus et peccator« (zugleich gerecht und ein Sünder) bin wie wir alle.
Ich nutze das Jubiläum, um an einige meiner Lieder zu erinnern, die bei der Reformation eine große Rolle gespielt haben, aber z.T. in Vergessenheit geraten sind, obwohl viele davon im Evangelischen Gesangbuch zu finden sind.
Ich fange mal mit den Liedern an, die ich für die Kirchenfeste geschrieben habe.

Für die Adventszeit habe ich z.B. das Lied
»Nun komm, der Heiden Heiland« EG 4 verfasst.
Ich habe mich dabei ziemlich stark an das lateinische Original »Veni redemptor gentium« des Ambrosius von Mailand (333-397) gehalten. So etwas wie die GEMA gab es ja damals gottlob noch nicht.
Mir ging es hauptsächlich um den Inhalt, deshalb habe ich mich auch weniger um Reim und Rhythmus gekümmert. Dieses Lied wurde 1425 erstmals in Wittenberg veröffentlicht.
Es war dann jahrhundertelang das evangelische Hauptlied der Adventszeit.
Kein Wunder, dass später z.B. J.S. Bach mehrere Choralvorspiele und zwei Kantaten über diesen Choral verfasst hat. Eines dieser Choralvorspiele habt ihr eben gehört.


Hören wir jetzt den Chor mit den Strophen 1, 2 und 5 des Liedes

»Nun komm, der Heiden Heiland« in einem Satz von J.S. Bach.

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Für das Weihnachtsfest habe ich eine »Leise« aus der Zeit vor der Reformation bearbeitet. Ihr wisst nicht, was eine »Leise« ist? Jedenfalls ist es kein Lied, das man leise singt, sondern ganz einfach ein Lied, das mit »Kyrieleis« endet. Ein solches Lied ist der Choral
»
Gelobet seist du, Jesus Christ« EG 23

Die erste Strophe und die Melodie stammen aus Medingen aus dem Kloster unserer Zisterzienser-Schwestern. Die Strophen 2-7 habe ich hinzugedichtet. Das Lied kam 1524 nach Wittenberg. Zur Zeit von J.S. Bach wurde es das Hauptlied am ersten Weihnachtstag.

Singen wir gemeinsam aus diesem Lied die Strophen 1-3 und 7 (einstimmig)

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Ziemlich gut bekannt ist mein Lied

»Vom Himmel hoch da komm ich her« EG 24
Dieser Choral wurde auch von unseren katholischen Glaubensbrüdern in ihr Gesangbuch übernommen.
Es war, wenn ich mich nicht irre, im Jahre 1535, als ich dieses Lied für die Bescherung meiner eigenen Kinder geschrieben habe. Zunächst habe ich eine vorliegende Melodie benutzt, aber dann doch lieber eine eigene komponiert. Meine Kinder mussten sich in Geduld üben, denn der Choral hat 15 Strophen. Sie waren aber brav, wie ich es nicht anders von ihnen erwartet habe. Meiner Frau gefiel eine Zeile in der 5. Strophe besonders gut. Dort heißt es: »So merket nun das Zeichen recht: die Krippe, Windelein so schlecht...« Sie fand, dass hier besonders deutlich wird, dass Jesus als schwacher Mensch auf die Welt kam und natürlich Windeln brauchte.
Der Musikus und Kompositeur J.S. Bach hat später den Choral gleich dreimal in seinem Weihnachtsoratorium verarbeitet.

Hören wir nun den Chor mit den Strophen 1-3 und 15 des Liedes
»Vom Himmel hoch, da komm ich her« in einem Satz von J.S. Bach.

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Der Titel meines Chorals

»Christ lag in Todesbanden« EG 101
lässt zunächst vermuten, dass es sich hier um ein Passionslied handelt. Das trifft aber gar nicht zu. Ich habe es im Jahre 1524 für das Osterfest geschrieben.
Die Melodie ist an den Choral »Christ ist erstanden« angelehnt und hat auch die dorische Kirchentonart, die ich so gern höre und singe. Ich habe das Lied damals »Christ ist erstanden, gebessert« genannt. Leider wird es nicht mehr oft gesungen; dabei habe ich mir damals so viel Mühe gegeben.
Der Choral ist später von Johann Pachelbel, J.S. Bach, Georg Philipp Telemann und Johann Hermann Scheid bearbeitet worden.

Wir können ja mal versuchen, eine Strophe einstimmig mit dem Chor zu singen. Ich denke, das schaffen wir.


»Christ lag in Todesbanden«

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Das Lied

»Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist« EG 126
habe ich natürlich für das Pfingstfest geschrieben. Als Vorlage habe ich einen lateinischen Hymnus aus dem 9. Jahrhundert benutzt (»Veni, creator spiritus«). Der Hymnus hat die Kirchentonart »mixolydisch«; die möchte ich euch aber nicht erklären. Das ist etwas für Kirchenmusiker, und selbst für die ist das schwierig. Ich mute euch deshalb nicht zu, dieses Lied zu singen.
Aber wir können uns ja mal eine Choralbearbeitung von J.S. Bach anhören. Besonders interessant an diesem Stück ist, dass bei dem Dreier-Rhythmus auf ganz ungewöhnliche Weise nicht die erste, sondern die dritte Note betont wird, weil ja der Heilige Geist immer an dritter Stelle genannt wird. Im weiteren Verlauf des Stücks wird musikalisch zum Ausdruck gebracht, wie der Heilige Geist über allem schwebt. Achtet mal darauf.

Choralvorspiel »Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist« BWV 667

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Ein anderes Lied zu Pfingsten ist besser bekannt:

»Nun bitten wir den Heiligen Geist« EG 124
Dieser Choral ist wieder eine »Leise«. Ich habe mich auf einen lateinischen Text (»Veni, Sancte Spiritus«) aus dem 13. Jahrhundert gestützt. Die Strophen 2-4 habe ich geschrieben. Die Melodie kam 1420 in die südböhmische Stadt Jistebnitz, in Wittenberg wurde der Choral 1425 veröffentlicht. Viele Komponisten haben diesen Choral bearbeitet.


Wir hören den Chor mit der 1. und 4. Strophe des Liedes

»Nun bitten wir den Heiligen Geist«

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Für die Sonntage nach Trinitatis habe ich das Lied

»Gott, der Vater, steh uns bei« EG 138
im Jahre 1524 geschrieben. Die Vorlage dafür war eine deutsche Litanei aus dem 15. Jahrhundert. Mit Litaneien haben wir Protestanten es ja nicht mehr so, deshalb verzichten wir hier mal darauf, es zu singen. Ihr könnt euch ja mal bei Gelegenheit den Text durchlesen. Die Melodie aus Halberstadt (1500) kam 1524 nach Wittenberg.

Von meinen Katechismus-Liedern möchte ich den Choral
»
Dies sind die heilgen zehn Gebot« EG 231
erwähnen, der auch im Jahre 1524 entstanden ist. Zwei Strophen bilden Einleitung und Schluss, die übrigen 10 Strophen geben den Inhalt der zehn Gebote wieder und enden immer auf »Kyrieleis«. Die Melodie geht auf ein Lied der Kreuzfahrer aus dem 12. Jahrhundert zurück.
Da ihr ja wohl die zehn Gebote kennt, will ich hier nicht darauf bestehen, dass wir es singen.
J.S. Bach hat in seinem Orgelbüchlein ein Choralvorspiel darüber geschrieben, das etwas ganz Besonderes ist: Es führt das Thema noch strenger als bei einer Fuge durch die verschiedenen Stimmen, denn bei Geboten darf es natürlich überhaupt keine Abweichung geben. Das hört sich manchmal ganz schön schräg an, aber es musste eben sein.
Während sich der Organist mit diesem schwierigen Stück abrackert, könnt ihr ja mal die 12 Strophen durchlesen.

Choralvorspiel »Dies sind die heilgen zehn Gebot« von J.S. Bach BWV 635

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Ich habe mit dem Choral

»Wir glauben all an einen Gott« EG 183
auch ein Lied über das Glaubensbekenntnis geschrieben, wieder im Jahre 1524. Ich habe dafür ältere Strophen aus Breslau und Zwickau verarbeitet. Die Melodie entstand in Wittenberg im gleichen Jahr wie der Text.
Da ihr das Glaubensbekenntnis ja in jedem Gottesdienst sprecht und gut kennt, müssen wir diesen Choral, der etwas »speziell« ist, jetzt nicht singen.


Mein Lied zum Vaterunser

»Vater unser im Himmelreich« EG 344
ist dagegen gar nicht so schwierig, obwohl es im Gottesdienst kaum noch gesungen wird. So wie einst die Jünger unsern Herrn Jesus baten: »Herr, lehre uns beten«, so wollte mein Barbier, der Meister Peter, einmal von mir eine Anleitung zum Beten haben. Die habe ich ihm 1535 gegeben mit meiner Schrift »Eine einfältige Weise zu beten – für einen guten Freund – wie man beten soll – für Meister Peter Barbier«.
Natürlich habe ich ihm zunächst das Vaterunser erläutert, und das führte schließlich dazu, dass ich 1539 diesen Choral mit 9 Strophen schrieb. Die Melodie entstammt einem alten Tischsegen des Mönchs von Salzburg; die Böhmischen Brüder, die sich viel mit Kirchenliedern beschäftigten, haben das Lied aufgegriffen, und ich habe dann 1539 zu dieser Melodie meinen Text verfasst.

Wir singen aus dem Lied
»Vater unser im Himmelreich« die Strophen 1-3 im Wechsel; der Chor beginnt.

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»Christ, unser Herr, zum Jordan kam« EG 202

Dieses Lied zur Taufe unseres Herrn Jesu ist auch etwas in Vergessenheit geraten, obwohl es ziemlich genau dem Evangelium entspricht (Matthäus 3.13-17 und Markus 16, 15). Ein/e Pfarrer/in könnte fast auf eine Lesung oder einen Teil der Predigt verzichten, wenn er/sie stattdessen dieses Lied singen ließe. Die sieben Strophen enthalten wirklich alles Wesentliche.
Ich habe dieses Lied ziemlich spät verfasst, erst im Jahre 1541. Es wurde dann gern am Johannestag gesungen. Die Melodie habe ich in der dorischen Tonart geschrieben – ihr wisst schon, weshalb.

Wir hören den Chor mit den Strophen 1-2 des Chorals
»Christ, unser Herr, zum Jordan kam«

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Wir Protestanten haben ja die Ohrenbeichte abgeschafft, aber eine allgemeine Beichte gibt es natürlich immer noch, besonders vor dem Abendmahl ist sie üblich.
Es gibt dazu das Lied eines Zeit- und Glaubensgenossen (Michael Weiße 1488-1534)

»Aus tiefer Not lasst uns zu Gott von ganzem Herzen schreien« EG 144,
aber ich habe zur Beichte keinen Choral geschrieben.

Zum Abendmahl dagegen gibt es meinen Choral
»
Gott sei gelobet und gebenedeiet« EG 214
Ich habe auch dieses Lied im Jahre 1524 geschrieben. In dem Jahr war ich wirklich fleißig und kreativ. Die erste Strophe gab es schon, sie stammt wieder aus Medingen, und wieder ist es eine »Leise«. Die Strophen 2 und 3 habe ich hinzugedichtet.

Wir versuchen mal, einstimmig und gemeinsam mit dem Chor die erste Strophe des Liedes »Gott sei gelobet und gebenedeiet« zu singen.

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Wenn ihr das Wort »Psalmen« hört, dann fällt euch sicher zuerst der Psalm 23 ein, der ja bei Konfirmationen und vielen anderen Gelegenheiten gern zitiert wird. Der Choral

»Der Herr ist mein getreuer Hirt« EG 274

wurde mir einige Zeit lang zugeschrieben, doch er stammt leider nicht aus meiner Feder; die Melodie kommt aber aus Wittenberg, sie wurde von meinem Freund Johann Walter, dem ersten evangelischen Kantor, im Jahre 1524 geschrieben. Weil er den Choral mir zuliebe, wie ich annehme, in der dorischen Tonart verfasst hat, würde ich gern

vom Chor die beiden ersten Strophen hören.

»Der Herr ist mein getreuer Hirt«

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Das Lied

»Nun freut euch, lieben Christen g'mein« EG 341
kennt ihr sicher gut, denn es wird immer noch gern gesungen. Es ist eines meiner ersten und theologisch wichtigsten Lieder; ich habe es 1523 geschrieben. Diese Ballade ist in jedem evangelischen Gesangbuch zu finden, am Reformationstag ist es eines der wichtigsten Lieder. Zunächst wurde es allerdings wie ein Volkslied von Handwerkern, Händlern und Mägden gesungen, die auf diese Weise dazu beitrugen, das Gedankengut der Reformation zu verbreiten. Glücklicherweise gab es ja durch die Erfindung des Buchdrucks günstige Bedingungen für die Verbreitung von Liedern.

Singen wir einstimmig mit dem Chor die erste Strophe dieses Liedes.

»Nun freut euch, lieben Christen g'mein«

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Mein Lied

»Verleih uns Frieden gnädiglich« EG 421
dürfte euch gut bekannt sein. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde dieses Lied in dieser Kirche immer als Teil der Liturgie vor dem Segen gesungen. Ich habe es 1529 geschrieben als Nachdichtung des gregorianischen Wechselgesangs »Da pacem, Domine«. Die Melodie habe ich nach dem Lied »Nun komm, der Heiden Heiland« etwas abgewandelt. Glücklicherweise haben auch unsere katholischen Glaubensbrüder dieses Lied 1973 in ihr Gesangbuch aufgenommen.

Singen wir gemeinsam mit dem Chor dieses Lied, das nur eine Strophe hat.

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Man sagt manchmal: »Das Beste kommt zum Schluss«. Ich muss sagen, dass ich auf dieses Lied ein bisschen stolz bin. Ihr kennt es alle:

»Ein feste Burg ist unser Gott« EG 362

Ich habe diesen Choral, der ein richtiger Knüller geworden ist, im Jahre 1529 geschrieben, auch wenn einige Musikwissenschaftler glauben, es besser zu wissen. Das Lied nach Psalm 46 hat für die Reformation eine große Bedeutung; es ist in allen protestantischen Gesangbüchern zu finden, und viele Komponisten haben die Melodie in Chorsätzen, Choralvorspielen, in Fugen, in Sinfonien, Kantaten und sogar Opern bearbeitet. Der Choral wird oft am Reformationstag gesungen, obwohl er nicht als Wochenlied vorgesehen ist. Leider wird heute meistens die vereinfachte Form gesungen, die viel von ihrem kämpferischen Charakter eingebüßt hat.

Der Chor singt drei Strophen der ursprünglichen Fassung von

»Ein feste Burg ist unser Gott« im Chorsatz von Lucas Osiander (1534-1604)

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Die vierte Strophe singen wir einstimmig gemeinsam mit dem Chor in dieser Form; das muss doch zu schaffen sein.


Damit verabschiede ich mich von euch, liebe Brüder und Schwestern. Während der Organist eine Choralbearbeitung von Joachim Pachelbel über »Ein feste Burg« spielt, könnt ihr ja noch einmal auf euch wirken lassen, was ihr heute gehört habt.

Eventuell »Vater unser« und Segen


Choralbearbeitung »Ein feste Burg« von Joachim Pachelbel für Orgel

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Video zu »Ein feste Burg« aus Blankenburg